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telefonseelsorge ulm/neu-ulm im spiegel der presse



Südwest Presse, 02. Januar 2010 - von Chirin Kolb

Mehr Anrufer plagen Existenzängste

Ulm/Neu-Ulm. Weihnachten und Jahreswechsel sind für viele eine schwere Zeit. Das spürt auch die Telefonseelsorge. Finanzielle Nöte spielen eine größere Rolle.

Weihnachten ist nicht für jeden das friedliche Familienfest. Konflikte oder Beziehungsprobleme, die vielleicht schon das ganze Jahr über schwelen, brechen auf, Erwartungen werden enttäuscht, selbst länger zurückliegende Verluste, endgültige Abschiede oder Trennungen werden an diesen Tagen besonders spürbar. Das zeigt sich auch in den Anrufen, die die ehrenamtlichen Mitarbeiter der Telefonseelsorge in diesen Tagen entgegen nehmen. Viele Anrufe in der Zeit zwischen Weihnachten und Neujahr haben "diese besondere Färbung", berichtet Stefan Plöger, der zusammen mit Renate Breitinger die Telefonseelsorge Ulm/Neu-Ulm leitet.

Im abgelaufenen Jahr hatten aber finanzielle Probleme einen deutlich höheren Stellenwert als früher. Viele Anrufer trieben Sorgen um den Arbeitsplatz, finanzielle Schwierigkeiten, sogar Existenzängste um. "Besonders viele Frauen sind davon betroffen", sagt Plöger. Ein Beispiel: Eine Frau schilderte am Telefon, dass sich ihr Kind nichts anderes zu Weihnachten wünsche als einen Christbaum - sie aber nicht wisse, ob sie diesen Wunsch erfüllen könne. Eine andere Anruferin klagte über so fürchterliches Mobbing am Arbeitsplatz, dass sie am liebsten auf der Stelle kündigen würde. Aus Angst, keinen anderen Job zu finden, schrecke sie davor zurück.

Dieses Beispiel passt zu einer Entwicklung, die Plöger seit einiger Zeit feststellt: "Der Druck am Arbeitsplatz und die Sorgen werden so groß, dass die Menschen an ihre Grenzen kommen und krank werden." Früher seien Trennung oder Krankheit eher der Auslöser für finanzielle Schwierigkeiten gewesen, heute seien Krankheiten vermehrt die Folgen von gestiegenen Belastungen und Existenzsorgen. "Die Angst um die Zukunft, die bange Frage, wie es weitergeht, schwingt in vielen Gesprächen mit, in mehr als früher."

Manche Menschen, die sich an die Telefonseelsorge wenden, sind einsam und haben niemand, mit dem sie reden können. Andere dagegen haben eine Familie oder einen Freundeskreis, und doch ist es für sie oft schwierig, über Probleme und Ängste zu sprechen. Einige Menschen können sich erst bei der Telefonseelsorge öffnen, gegenüber einem anonymen Fremden, der Zeit zum Zuhören hat. "Wir haben einen gewissen Abstand. Das macht es Anrufern oft leichter, aber auch uns als Zuhörern", sagt eine 41-Jährige, die seit sechs Jahren ehrenamtlich mitarbeitet. Zeit haben, Zuhören können - das macht für einige Anrufer schon einen Teil der Problemlösung aus. Plöger beschreibt das so: "Wir sind der Fels in der Brandung, der sich vom Sog auch schwieriger Probleme nicht wegschwemmen lässt. Und im Gespräch verliert der Sog an Kraft."

Aus ihrer Arbeit nimmt die 41-Jährige auch viel für sich selbst mit, "es ist manchmal ein gegenseitiges Geben und Nehmen". Sie profitiere aber nicht nur von den bisweilen tief gehenden Gesprächen mit fremden Menschen, sondern gerade auch von Gesprächen mit anderen Mitarbeitern, von der Supervision und den Fortbildungsangeboten. "Die Mitarbeit ist eine Bereicherung für mich selbst."

INFO: Die Telefonseelsorge bietet im nächsten Jahr wieder einen Ausbildungskurs für ehrenamtliche Mitarbeiter an. Er beginnt voraussichtlich im Sommer. Informationen gibt es bei Stefan Plöger oder Renate Breitinger unter Tel. (0731) 698 83 (8.15 bis 12 Uhr).


Südwest Presse, 03. September 2009 - von Chirin Kolb

Jugendliche brauchen Hilfe

Ökumenische Telefonseelsorge ist Ansprechpartner für viele

Hinter vielen Scherzanrufen stecken echte Nöte. Diese Erfahrung machen die Mitarbeiter der Telefonseelsorge, wenn sie Jugendliche in der Leitung haben. Die jungen Leute sind psychisch häufig stark belastet.

Was ist denn eigentlich ein Scherzanruf? Kichernd auflegen, sobald sich jemand am Telefon meldet? Nur Blödsinn reden? Austesten, wie der am anderen Ende der Leitung reagiert? "Wir sollten uns hüten, Jugendlichen-Anrufe, auch wenn sie manchmal banal erscheinen, als Scherzanrufe abzutun", meint Dr. Stefan Plöger, der zusammen mit Renate Breitinger die Telefonseelsorge leitet.

Denn die Erfahrung lehrt: Hinter solchen Anrufen stecken oft echte Probleme. Ein schneller Anruf bei einer anonymen Stelle ist für viele Jugendliche im Prinzip ein einfaches Mittel, um einen versteckten Hilferuf loszuwerden. "Die Anrufe signalisieren, dass Jugendliche am Rand stehen und keine angemessene Unterstützung erleben. Dies ist der Stoff, aus dem in letzter Konsequenz die Amokläufe sind."

Die Telefonseelsorge bietet ihre Dienste auch im Internet an, und es sind überwiegend Jugendliche und jüngere Erwachsene, die dieses Medium nutzen. Gerade die Schüler und Studenten, die sich an die Telefonseelsorge wenden, seien psychisch häufig sehr belastet. "Essstörungen, selbstverletzendes Verhalten, Ängste verschiedener Art und Probleme mit dem Selbstwertgefühl machen das Bewältigen der geforderten Leistung zum dauernden Balanceakt im Alltag", berichtet Renate Breitinger über ihre Erfahrungen in der Beratung.

Bei der Telefonseelsorge Ulm/Neu-Ulm sorgen derzeit 72 ehrenamtliche Helfer dafür, dass die Apparate rund um die Uhr besetzt sind. Die meisten Anrufer haben Probleme in der Partnerschaft oder in der Familie. Weitere wichtige Themen sind psychische Erkrankungen und Einsamkeit.

Welch großen Stellenwert die Telefonseelsorge für etliche Menschen hat, wird in der verhältnismäßig hohen Zahl von Mehrfach- und Daueranrufern deutlich. Denn sie machen unter allen Anrufern fast 40 Prozent aus. "In diesen Gesprächen begegnen uns häufig Leid, Überforderung, Isolation, Verunsicherung und Passivität", berichtet Plöger. Bei diesen Anrufern sei es oft schwer, positive Veränderungen zu erzeugen.

Diese Erfahrung kann auch die ehrenamtlichen Mitarbeiter belasten. "Manche Daueranrufer klammern sich an uns, bedrängen uns und zehren an unseren Kräften", berichtet eine Mitarbeiterin. "Es kann auch sein, dass wir uns schwer damit tun, den Stillstand, die Hoffnungslosigkeit, in der sich der Anrufende befindet, auszuhalten."

Entlastung finden die Ehrenamtlichen jedoch in den regelmäßigen Supervisionsgesprächen mit den hauptamtlichen Fachkräften und anderen Ehrenamtlichen. Es helfe aber auch, sich bewusst zu machen, dass diese Gespräche wichtig sind für die Anrufer, dass sie womöglich niemand haben, mit dem sie sonst sprechen können. Und mit manchen Daueranrufern entstehe letztlich sogar ein beinahe vertrautes Verhältnis.

INFO: Die ökumenische Telefonseelsorge Ulm/Neu-Ulm betreut die Landkreise Ulm, Neu-Ulm, Alb-Donau, Heidenheim und Ostalb. Sie hat auf diese Weise ein Einzugsgebiet von rund einer Million Einwohnern. Der Dienst wird das ganze Jahr über rund um die Uhr angeboten, 2008 waren es 8784 Stunden. Die Gesamtzahl der Anrufe lag bei 29 186.


Illertisser Zeitung Samstag, 30. Mai 2009

Telefonseelsorge und der Heilige Geist

Illertissen "Unsere Telefonseelsorge gehört zu den wirklich ökumenischen, gleichberechtigt zwischen evangelischen und katholischen Mitarbeitern aufgeteilten Einrichtungen", informiert Dr. Stefan Plöger die Besucher im Jochen-Klepper-Haus. Im Rahmen der ökumenischen Pfingstnovene sprach der Leiter der Telefonseelsorge Ulm/Neu-Ulm zum Thema "Wahrhaftig miteinander reden", was mit Telefonseelsorge zu tun habe, vielleicht auch mit dem Geist von Pfingsten.

Als Psychologe, Therapeut und Nichttheologe hat sich der Referent die Pfingstereignisse in der Bibel nochmals vor Augen geführt. Von den zunächst ratlosen Jüngern werde da geschrieben oder von einer Art Neubeginn, indem Altes zurückbleibt: "Wenn ich nicht fortgehe, wird der Beistand nicht zu euch kommen", lauten Jesusworte. Dr. Plöger kann Parallelen zur Telefonseelsorge erkennen, ohne den interessierten Zuhörern jedoch Schlussfolgerungen aufdrängen zu wollen. Mitarbeiter der Telefonseelsorge besäßen nicht besondere berufliche oder akademische Fähigkeiten sondern ein bestimmtes Selbstbewusstsein, würden mit beiden Füßen auf dem Boden stehen, so der Referent. Fürsorge gelinge nicht ohne Selbstsorge, das Bewusstsein für den eigenen Körper gehörte dazu. "Die Leiblichkeit ist die Basis der Wahrhaftigkeit im Gespräch, eine gute Wahrnehmung des eigenen Gefühls bei dem Gespräch ist wichtig." Dazu zähle das Erkennen eigener Grenzen, ein Gespräch beenden zu dürfen. "Manche vertreten die Ideologie, die Telefonseelsorge legt nicht auf, das ist Ermessenssache."

Begegnungskompetenz

Erprobte Mitarbeiter der Telefonseelsorge hätten auf ihn eine besondere Ausstrahlung, hat Stefan Plöger beobachtet, und sie wüssten "umzuschalten auf den Dialog mit leeren Händen". Die Grundhaltung heiße begleiten, dem Einzelnen helfen, seinen Weg zu finden. Die Begegnungskompetenz sei eine zentrale Herausforderung, als Beratender gelte es, eigene Rollen fallen zu lassen, um dem Gesprächspartner in Augenhöhe zu begegnen. "Ich bin der Ort, wo sich das ereignet, was wirkt", habe jemand über seine seelsorgerliche Tätigkeit am Telefon gesagt. Es gelte dem Dialog eine Struktur zu geben, zu trösten, ermutigen oder im schweren Schicksal zu begleiten. In der Art kurzer meditativer Übungen ermöglichte Plöger dem Publikum, seine Ausführungen zu überdenken oder womöglich beschriebene Haltungen selbst auszuprobieren. In einem kurzen Abriss hatte er auch wissenschaftlich erwiesene Zusammenhänge von Körperwahrnehmung und geistiger Einstellung erläutert.

Es sei beglückend zu sehen, wenn etwas gelingt. "Oder vielleicht hinterher zu sagen, dass es gottgewollt war", resümiert der Psychologe.


Südwest Presse, 03. Januar 2009 - von Chirin Kolb

Feiertage sind kritische Tage

Telefonseelsorge ist für viele Menschen eine Anlaufstelle

Weihnachten und Silvester sind für viele Menschen kritische Feste. Das Alleinsein kann Probleme machen, das Zusammensein mit der Familie ebenso. Eine Rückschau aus Sicht der Telefonseelsorge.

Die Frau ist geschieden. Ihr Ex-Mann möchte jetzt mit dem gemeinsamen Kind Weihnachten verbringen. - Eine andere Frau ist krank und allein. Ihre Kinder sind weit weg und melden sich nicht. - Der Mann ist stolz auf sich: Er hat über die Feiertage keinen Alkohol getrunken. - Die Frau war über Weihnachten bei ihrer Tochter und dem Schwiegersohn. Dabei sind die Probleme zwischen ihnen wieder deutlich spürbar geworden.

All das sind Beispiele von Anrufen, die über die Feiertage bei der Telefonseelsorge eingehen. Die Telefone sind rund um die Uhr mit ehrenamtlichen Mitarbeitern besetzt. Sie sind gerade über Weihnachten gefragte Gesprächspartner, weil an solchen Festtagen latent vorhandene familiäre Probleme oder Einsamkeit besonders zu Tage treten.

"Konflikte in Beziehungen werden dann besonders deutlich", sagt Dr. Stefan Plöger, der gemeinsam mit Renate Breitinger die Geschäfte der Telefonseelsorge führt. Dies hänge auch mit hohen, bisweilen übersteigerten Erwartungen an die Feiertage zusammen: An Weihnachten soll alles besonders schön und harmonisch sein. Auch Gefühle und Besinnlichkeit, die das Jahr über zu wenig Platz hätten, sollten sich dann plötzlich einstellen.

Wenn andere feiern, wird aber auch die eigene Einsamkeit noch deutlicher als sonst - bei einigen gerade dann, wenn sie am Fest zwar eingeladen sind, ansonsten sich aber allein gelassen fühlen. Auch Erinnerungen kommen an emotional aufgeladenen Feiertagen besonders hoch. "Bei manchen Anrufern löst Weihnachten Gefühle aus, die mit dem Fest eigentlich nichts zu tun haben", sagt Renate Breitinger. Zum Beispiel Trauer und Lebenszweifel, weil die große Liebe einen anderen geheiratet hat.

An Weihnachten rufen nach den Erfahrungen der Telefonseelsorge-Mitarbeiter allerdings nicht mehr Menschen an als an sonstigen Tagen. Und längst nicht immer ist Weihnachten und alles, was damit zusammenhängt, ein Thema für die Anrufer. Für Plöger ist auch das in gewisser Weise erschreckend: "Viele Menschen stecken so in ihren Sorgen und Nöten, dass Weihnachten ganz ausgeblendet wird."

Manche Menschen melden sich aber auch bei der Telefonseelsorge, weil sie ihre Freude loswerden wollen. Wie eine alte Frau, die ein für sie sehr schönes Weihnachtsgeschenk erhalten hat: Ihre kleine Rente wurde unbefristet genehmigt. Ob Sorgen oder Freude - die freiwilligen Mitarbeiter am Telefon nehmen immer auch etwas für sich aus den Gesprächen mit, sagt Renate Breitinger, "sie haben auch etwas davon".

Sie ist froh über die Bereitschaft der Ehrenamtlichen, auch an Feiertagen wie Weihnachten oder Silvester und Neujahr Dienst zu tun. Sie sorgen dafür, dass die Telefonseelsorge auch an solchen Tagen erreichbar bleibt. Allerdings merken Renate Breitinger und Stefan Plöger, dass es schwieriger wird, neue ehrenamtliche Helfer zu finden: Immer mehr Organisationen, Vereine und Einrichtungen sind schließlich auf den Einsatz von Ehrenamtlichen angewiesen.


Südwest Presse, 03. März 2006 - von Chirin Kolb

Viele Anrufer unter psychischem Druck

TELEFONSEELSORGE / Erfahrungen im Jahr 2006

Viele Menschen, die sich an die Telefonseelsorge wenden, stehen unter hohem psychischem Druck oder fühlen sich sehr einsam. Ein Erfahrungsbericht.

Bei der Telefonseelsorge rufen nur Leute an, die riesige Probleme haben oder die kurz vor dem Suizid stehen. Mit dieser Vorstellung im Hinterkopf trat Jutta S. ihre Ausbildung zur ehrenamtlichen Mitarbeiterin der Telefonseelsorge Ulm/Neu-Ulm an. Die Wirklichkeit sieht anders aus, das weiß sie jetzt nach einem Jahr Dienst: "Von den Anrufern kommt alles, vom Streit unter Schülern über Sucht bis zu schwerwiegenden Familienproblemen."

Ein großes Thema sei Einsamkeit. Besonders auffallend: Darüber klagen nicht nur alte Anrufer, sondern gerade auch Jüngere - "Menschen ab 30 oder 40, die wissen, in ihrem Alter würden sie eigentlich mitten im Leben stehen", sagt Renate Breitinger, die zusammen mit Dr. Stefan Plöger die Telefonseelsorge Ulm/Neu-Ulm leitet. Der Grund für Vereinsamung ist bei etlichen Anrufern Geldmangel, hervorgerufen meist durch Arbeitslosigkeit. "Die Menschen rufen nicht primär an, weil sie arbeitslos sind, sondern wegen der Folgen", sagt Renate Breitinger. "Das Selbstwertgefühl sinkt, sie ziehen sich zurück, sie haben das Gefühl, nicht mehr Teil dieser Gesellschaft zu sein."

Viele Anrufer stehen auch psychisch sehr unter Druck. Darunter sind etliche, die nach außen hin ein scheinbar geregeltes Leben führen und einen Job haben. "Man merkt oft nicht, welche enorme innere Leistung dahinter steckt, jeden einzelnen Arbeitstag zu überstehen", sagt die Leiterin. In der Gesellschaft werde kaum wahrgenommen, wie viele Menschen tatsächlich psychisch stark belastet seien.

Die Mitarbeiter der Telefonseelsorge vermitteln Anrufer bei Bedarf weiter an Beratungsstellen. Manche Anrufer sch#tzen aber gerade die Anonymität. "Sie trauen sich eher, das zu benennen, was sie besch#ftigt, weil sie sich wieder entziehen und auflegen k=F6nnen", sagt Plöger. "Die Anonymität ermöglicht oft tiefere Gespräche."

Diese Erfahrung hat Jutta S. (Name geändert) ebenfalls gemacht. Die Anonymität auch der ehrenamtlichen Mitarbeiter war für die 56-Jährige ausschlaggebend, sich für den Dienst bei der Telefonseelsorge zu melden Sie war zuvor schon ehrenamtlich tätig, "aber ich wollte etwas tun, das nach außen wirkt, bei dem aber nicht ich im Vordergrund stehe". Wie alle Ehrenamtlichen bei der Telefonseelsorge absolvierte sie eine einjährige Ausbildung. "Sie ist ein großer Gewinn für einen selbst", sagt sie. "Viele Gespräche im privaten Bereich laufen jetzt ganz anders als früher." Von der Ausbildung und der regelmäßigen Supervision profitiert auch Gerlinde H., die vor zehn Jahren zur Telefonseelsorge kam. "Es ist eine sinnvolle Aufgabe und ein persönlicher Gewinn", sagt die 57-Jährige.

Immer wieder stoßen die Mitarbeiter an ihre Grenzen, weil sie keine konkrete Hilfe leisten können. "Es ist belastend, wenn jemand anruft und sagt, er hat für den Monat nur noch 20 Euro", berichtet Plöger. Andererseits zeige sich oft, wie wertvoll ein einfühlsames Gespräch empfunden wird, sagt Gerlinde H.: "Die Anrufer sind selbst oft überrascht, wie sehr es ihnen hilft, wenn man zuhört, auf sie eingeht und mit ihnen redet."

INFO: Bei der Telefonseelsorge beginnt im Herbst ein einjähriger Ausbildungskurs (rund 100 Stunden). Bereits jetzt laufen Informationsgespräche. Wer sich dafür interessiert: Büro-Tel. (0731) 698 83 (vormittags), E-Mail telefonseelsorge.ulm@evlka.de, Internet http://www.telefonseelsorge-ulm.de/


Südwest Presse, 27. September 2006 - von Carolin Stüwe

Über Handy besser ansprechbar

SOZIALES / Benefizkonzert für die Telefon-Seelsorge Ulm/Neu-Ulm

Wer aus der Region über Handy und D1-Netz bei der Telefonseelsorge anruft, kommt direkt in Ulm raus. Diese ortsnahe Beratung bringt effektivere Gespräche.

Mit der Telefonseelsorge bieten die katholische und die evangelische Kirche einen Dienst an, der in allen Notlagen und Lebenskrisen angefragt werden kann. "Die Leute stellen sich unter Telefonseelsorge immer noch einen Anrufer vor mit Strick in der Hand", klagt Dr. Stefan Plöger von der Telefonseelsorge Ulm/Neu-Ulm über dieses nicht ausräumbare Vorurteil. Dabei haben die Menschen heute eher finanzielle Existenzsorgen oder stecken einfach nur im Schulstress.

Bisher kamen die Ratsuchenden per Handy unter der gebührenfreien Telefonnummer - die Telecom investiert bundesweit 3,3 Millionen Euro im Jahr in diesen Service - bei einer der 105 Stellen irgendwo in Deutschland heraus. Seit ein paar Wochen landen Handybesitzer aus den Landkreisen Alb-Donau, Neu-Ulm, Heidenheim und Ostalb direkt bei der zuständigen Telefonseelsorge Ulm/Neu-Ulm. Aber nur, wenn sie aus dem D1-Mobilfunknetz von T-Mobile kommen, denn nur die Telecom hat bisher in ganz Deutschland diese Regionalisierung verwirklicht.

Welchen Vorteil hat die Bündelung der Anrufer? "Wir kennen hier vor Ort sämtliche Hilfeeinrichtungen, die der Kollege in Osnabrück nicht kennt", nennt Plöger ein Beispiel. Und: Hat jemand eine länger andauernde Krise, ruft er mehrmals bei derselben Stelle an, die Ehrenamtlichen kennen den Fall schon, können mit dem Ratsuchenden ernsthafter ins Gespräch kommen.

Das "virtuelle Surfen" durch x-beliebige Stellen, bei dem sich der Ratsuchende nicht wirklich helfen lassen, sondern nur der Realität ausweichen will, werde eingedämmt. Und so bleibt die Leitung frei für wirkliche Notfälle.

Zurzeit arbeiten in Ulm 75 qualifizierte Ehrenamtliche mit, 18 weitere sind in Ausbildung für den Dienst rund um die Uhr. Aber: Die Finanzdecke sei immer dünn. Deshalb findet am 6. Oktober in Ulm ein Benefizkonzert statt anlässlich des 50-jährigen Bestehens der Telefonseelsorge in Deutschland.

INFO: Das Benefizkonzert mit Werken von Haydn, von Weber und Piazzolla beginnt am Freitag, 6. Oktober, um 20 Uhr im Haus der Begegnung.


Südwest Presse, 27. Februar 2006 - von Chirin Kolb

Existenzängste nehmen zu

SOZIALES / 31 750 Anrufer bei der Telefonseelsorge Ulm/Neu-Ulm Meistgenannte Themen: Geldsorgen und Beziehungsprobleme

Immer mehr Menschen haben finanzielle Existenzsorgen. Diese Erfahrung macht die Telefonseelsorge bei ihren Anrufern. Die meisten suchen aber wegen seelischer Krisen einen Gesprächspartner. Die ökumenische Einrichtung selbst sucht dringend weitere Ehrenamtliche.

Die Mitarbeiterin der Telefonseelsorge hat einen Anrufer am Apparat. Der Betrieb, in dem er fast sein ganzes Berufsleben gearbeitet hat, wurde vor zwei Jahren geschlossen. Seither ist er arbeitslos und hat mit 54 Jahren kaum Chancen, eine neue Stelle zu finden. Zusätzlich plagen ihn große finanzielle Sorgen.

Anrufe wie dieser erreichen die Telefonseelsorge häufiger. Die Gespräche wegen Geld-, Arbeits- oder Wohnungssorgen machten im vergangenen Jahr 18,5 Prozent der Gespräche aus, im Vergleich zum Vorjahr mit steigender Tendenz. "Der Zuwachs spiegelt veränderte Lebensbedingungen", sagt Dr. Stefan Plöger, der die Einrichtung zusammen mit Renate Breitinger leitet.

Nahezu die Hälfte der Gespräche (47,9 Prozent) drehen sich um Probleme mit dem Partner oder in der Familie. An der Lebenssituation der Anrufer, auch der des arbeitslosen 54-Jährigen, können die Mitarbeiter der Telefonseelsorge nichts ändern. Sie können ihnen aber vermitteln, dass sie mit ihren Sorgen und Nöten ernst genommen werden, dass sie nicht allein sind - ein Gefühl, das vielen fehlt.

Diese Art Seelsorge ist auch für die Ehrenamtlichen am Telefon nicht einfach. "Das muss man aushalten können: mit jemandem eine Situation durchstehen, ohne gleich alles ändern zu wollen und zu können", sagt Plöger. Jeder ehrenamtliche Mitarbeiter durchläuft deshalb eine intensive Ausbildung und wird während seiner Tätigkeit betreut.

Diejenigen, die sich auf eine ehrenamtliche Mitarbeit einlassen, erleben ihren Telefondienst als persönliche Bereicherung, erzählt Plöger. Sie haben es mit Anrufern in unterschiedlichen Problemlagen zu tun, mit Jugendlichen im Schulstress, mit einsamen Rentnern, mit Menschen in akuten Krisensituationen. "Gerade in der Anonymität am Telefon sind manchmal tiefe Begegnungen möglich. Es gibt durchaus auch beglückende Momente."

Nicht jeder der 31 750 Anrufe im vergangenen Jahr mündete freilich in ein Gespräch. Manche legen wieder auf, manche rufen zum Scherz an. 16 355 Gespräche zählte die Telefonseelsorge 2005. Eine Tendenz fällt auf: Die Zahl der langen Gespräche nimmt zu, bei über dreiviertelstündigen um 13,7 Prozent.

So erfreulich es für die Mitarbeiter ist, tiefgehende, hilfreiche Kontakte zu haben, es gibt doch einen Nachteil: Während der Zeit kommt kein weiterer Anrufer durch. Denn die Telefonseelsorge muss mit einer derart dünnen Personaldecke auskommen, dass häufig nur ein Mitarbeiter Dienst hat. Nur abends, wenn die Telefonseelsorge auch den Notruf für Frauen übernimmt, arbeiten sie zu zweit. "Wir sind mit derzeit 70 Ehrenamtlichen an der unteren Grenze." Deshalb werden neue Helfer gesucht.

Kurs für Mitarbeiter: Im Mai beginnt ein Kurs für Menschen, die ehrenamtlich bei der Telefonseelsorge mitarbeiten wollen. Die Ausbildung bereitet auf die Telefongespräche vor und erstreckt sich über ein Jahr, mit Treffen jeweils am Dienstagabend. Informationen gibt es bei Dr. Stefan Plöger und Renate Breitinger, Tel. (0731) 698 83 (8.15 bis 12 Uhr).

INFO: Die Telefonseelsorge berät unter Tel. 0800 11 10 111 und 0800 11 10 222 sowie im Internet unter http://www.telefonseelsorge.de.


Südwest Presse, 27. Februar 2006 - von Chirin Kolb

KOMMENTAR: Hilfe mit Ohr und Herz

Wie sich unsere Gesellschaft verändert, wie immer mehr Menschen aus verschiedenen Gründen Unterstützung und Hilfe brauchen, macht sich gerade bei Beratungsstellen und Einrichtungen wie der Telefonseelsorge bemerkbar. Bei manchen sind es handfeste materielle Sorgen bis hin zu Existenzängsten, hervorgerufen durch Arbeitsplatzverlust, Trennung oder Verschuldung. Bei anderen sind es die eher leisen, verborgeneren Probleme wie Sinnkrisen, Überforderung oder gerade auch Einsamkeit.

Viele Menschen, die bei der Telefonseelsorge anrufen, suchen vor allem jemand, der ihnen zuhört. Enge soziale Kontakte, die Beistand in Notlagen einschließen, sind längst nicht mehr selbstverständlich in unserer lauten, schnelllebigen Zeit. Umso wichtiger ist es, dass es Menschen gibt, die ehrenamtlich anderen ihr Ohr und ihr Herz leihen.

Die Telefonseelsorge Ulm/Neu-Ulm arbeitet, abgesehen von zwei hauptamtlichen Kräften und einer Sekretärin, ausschließlich mit Ehrenamtlichen. Sie halten den Dienst rund um die Uhr aufrecht. Die Besonderheit ihrer Tätigkeit besteht unter anderem darin, dass sie ebenso anonym bleiben wie die Anrufer, dass sie also keine öffentliche Anerkennung für ihr Ehrenamt erhalten. Ihr Einsatz hilft aber vielen Menschen in Krisen und Problemlagen weiter. Deshalb ist zu hoffen, dass sich auch in Zukunft viele finden, die diesen Dienst leisten wollen.


Südwest Presse, 20. Mai 2005 - von Chirin Kolb

SOZIALES / Telefonseelsorge verzeichnet erneut Anstieg der Anruferzahl

Immer mehr plagen Armut und Zukunftsangst Die Zahl der Anrufe bei der Telefonseelsorge ist erneut angestiegen. Hauptthemen sind familiäre oder partnerschaftliche Probleme. Doch auch Geldsorgen nehmen zu.

33 788 Anrufe sind im vergangenen Jahr bei der Telefonseelsorge eingegangen. Aus diesen Anrufen entwickelten sich 17 660 Gespräche, das entspricht einer Zunahme um 5,6 Prozent im Vergleich zum Jahr 2003. In den übrigen Fällen legten die Anrufer gleich wieder auf, oder es handelte sich um so genannte Test- oder Scherzanrufe. Diese Zahlen nennen Renate Breitinger und Dr. Stefan Plöger, die Leiter der Telefonseelsorge, im Jahresbericht.

Die meisten Menschen meldeten sich wegen Problemen in der Familie (18 Prozent) oder Partnerschaft (17,8 Prozent). Viele wenden sich aber wegen Depressionen oder anderer psychischer Krankheiten an die Telefonseelsorge: 16 Prozent am Telefon und 20 Prozent über das Internet. "Darin kommt etwas zum Ausdruck, was in unserer Gesellschaft noch wenig wahrgenommen wird", sagt Renate Breitinger. "Es gibt viele Menschen, die psychisch sehr belastet oder krank sind, in ihrem Umfeld aber wenig Verständnis dafür finden, wenig Ansprechpartner haben, sich zusehends isolieren und keinen Weg mehr finden, aus dieser Situation wieder herauszukommen."

Gleiches gilt für Armut. "Sie verkriecht sich und führt in die Isolation", sagt Plöger. Kein Betroffener bekenne sich offen dazu, sondern versuche, seine Notlage vor Bekannten, Vermietern und Nachbarn möglichst lange geheim zu halten. Sorgen um die finanzielle Situation waren vor allem gegen Ende des Jahres "mehr denn je" Thema am Telefon - kurz vor Einführung von Hartz IV.

Die Telefonseelsorge kann in diesen Fällen nicht direkt helfen, sie kann schließlich keinen Job vermitteln. Die Gespräche könnten aber ein Beitrag sein, "dass Menschen, denen in Würde begegnet wird, diese Würde bei sich wiederentdecken", sagt Plöger. "Denn Würde und unfreiwillige Armut widersprechen sich."

Auffallend viele Jugendliche nutzen die Telefonseelsorge. Fast 20 Prozent der Anrufer waren zwischen 10 und 19 Jahren alt, nur in der Altersgruppe der 40- bis 49-Jährigen gab es mehr Anrufer (20,8 Prozent). Besonders viele Anfragen kommen von jungen Menschen, die noch in Ausbildung sind. Viele leiden unter Zukunftsängsten, manche fürchten, Prüfungen nicht zu bestehen, zweifeln an der Wahl des Studienfachs oder Berufs. Oft seien sie "psychisch sehr belastet".

Den Wert der Telefonseelsorge machen die vielen ehrenamtlichen Helfer aus, die rund um die Uhr Dienst tun. Auf den ersten Blick erscheint ihre Arbeit einfach: am Telefon oder vor dem Computer sitzen, warten, reden. Doch der Dienst ist nicht nur kräftezehrend, sondern sei häufig ein anstrengender innerer Kraftakt. Die ehrenamtlichen Helfer erhalten deshalb eine umfangreiche Ausbildung und werden regelmäßig in Supervisionsgesprächen begleitet.

Die Telefonseelsorge plagen aber selbst Sorgen. Das Land Baden-Württemberg etwa gab nur noch für 2004 einen Zuschuss. "Ganz wichtig für die Fortführung der Arbeit sind weitere Finanzmittel."


Südwest Presse, 03. Dezember 2005

Engagement zahlt sich aus - Zebra und Telefonseelsorge informieren

EHRENAMT / Veranstaltung im Stadthaus Am Montag ist Tag des Ehrenamtes. Im Stadthaus gibt es Infos zur Freiwilligen Card, es präsentieren sich das Bürgerbüro Zebra und die Telefonseelsorge.

Menschen, die Tag und Nacht ehrenamtlich Dienst machen - gibt es das noch? Ja: Ehrenamtliche Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Telefonseelsorge leisten diesen Dienst rund um die Uhr.

Anlässlich des Tags des Ehrenamtes am kommenden Montag, 5. Dezember, präsentiert sich die Telefonseelsorge von 10 bis 14 Uhr im Ulmer Stadthaus. Informiert wird dabei auch über die einjährige Ausbildung, die jeder, der Interesse hat, durchlaufen muss. Gefragt sind Offenheit für alle Anliegen und die Bereitschaft, sich auf die Beziehung zu anderen Menschen einzulassen, sagt Dr. Stefan Plöger, Leiter der Telefonseelsorge. Zurzeit arbeiten rund 70 Männer und Frauen im Alter von 30 bis über 70 Jahren in der ökumenischen Telefonseelsorge mit. Wer die Ausbildung durchlaufen hat, verpflichtet sich für eine mindestens dreijährige Mitarbeit.

Auch die Bürgeragentur "Zebra" informiert am Montag von 10 bis 14 Uhr im Stadthaus über ihre Aktivitäten und Angebote - beispielsweise über die "Freiwilligen Card", die es in Ulm bereits seit gut vier Jahren gibt und die ehrenamtlich tätigen Menschen zahlreiche Vergünstigungen einräumt. Rund 1100 Karten seien inzwischen ausgegeben worden, teilt Zebra mit. Mehr als 50 "Partner" sagten mit Gutscheinen, Rabatten und Vergünstigungen für jede Form freiwilligen Engagements "Danke".

Wer sich freiwillig engagiert, aber noch keine Freiwilligen Card besitzt, der kann sie am Montag bekommen. Gegen Vorlage einer Bestätigung des jeweiligen Engagements wird die Karte mit gültigem Aufkleber für das Jahr 2006 ausgestellt.

Vorgefertigte Antragsformulare gibt es überdies in der Bürgeragentur Zebra abgerufen werden. Auch wer bereits Freiwilligen Card-Inhaber ist und einen neuen Inhaber wirbt, erhält ein besonderes Dankeschön.

Wer noch nichts von der Freiwilligen Card gehört hat, aber wöchentlich drei Stunden in Ulm engagiert ist, oder etwa ein Freiwilliges Sozialen Jahr ableistet, erhält umfassende Informationen und ein Antragsformular.


Südwest Presse, 20. Mai 2005 - von Chirin Kolb

SOZIALES / Telefonseelsorge verzeichnet erneut Anstieg der Anruferzahl

Immer mehr plagen Armut und Zukunftsangst Die Zahl der Anrufe bei der Telefonseelsorge ist erneut angestiegen. Hauptthemen sind familiäre oder partnerschaftliche Probleme. Doch auch Geldsorgen nehmen zu.

33 788 Anrufe sind im vergangenen Jahr bei der Telefonseelsorge eingegangen. Aus diesen Anrufen entwickelten sich 17 660 Gespräche, das entspricht einer Zunahme um 5,6 Prozent im Vergleich zum Jahr 2003. In den übrigen Fällen legten die Anrufer gleich wieder auf, oder es handelte sich um so genannte Test- oder Scherzanrufe. Diese Zahlen nennen Renate Breitinger und Dr. Stefan Plöger, die Leiter der Telefonseelsorge, im Jahresbericht.

Die meisten Menschen meldeten sich wegen Problemen in der Familie (18 Prozent) oder Partnerschaft (17,8 Prozent). Viele wenden sich aber wegen Depressionen oder anderer psychischer Krankheiten an die Telefonseelsorge: 16 Prozent am Telefon und 20 Prozent über das Internet. "Darin kommt etwas zum Ausdruck, was in unserer Gesellschaft noch wenig wahrgenommen wird", sagt Renate Breitinger. "Es gibt viele Menschen, die psychisch sehr belastet oder krank sind, in ihrem Umfeld aber wenig Verständnis dafür finden, wenig Ansprechpartner haben, sich zusehends isolieren und keinen Weg mehr finden, aus dieser Situation wieder herauszukommen."

Gleiches gilt für Armut. "Sie verkriecht sich und führt in die Isolation", sagt Plöger. Kein Betroffener bekenne sich offen dazu, sondern versuche, seine Notlage vor Bekannten, Vermietern und Nachbarn möglichst lange geheim zu halten. Sorgen um die finanzielle Situation waren vor allem gegen Ende des Jahres "mehr denn je" Thema am Telefon - kurz vor Einführung von Hartz IV.

Die Telefonseelsorge kann in diesen Fällen nicht direkt helfen, sie kann schließlich keinen Job vermitteln. Die Gespräche könnten aber ein Beitrag sein, "dass Menschen, denen in Würde begegnet wird, diese Würde bei sich wiederentdecken", sagt Plöger. "Denn Würde und unfreiwillige Armut widersprechen sich."

Auffallend viele Jugendliche nutzen die Telefonseelsorge. Fast 20 Prozent der Anrufer waren zwischen 10 und 19 Jahren alt, nur in der Altersgruppe der 40- bis 49-Jährigen gab es mehr Anrufer (20,8 Prozent). Besonders viele Anfragen kommen von jungen Menschen, die noch in Ausbildung sind. Viele leiden unter Zukunftsängsten, manche fürchten, Prüfungen nicht zu bestehen, zweifeln an der Wahl des Studienfachs oder Berufs. Oft seien sie "psychisch sehr belastet".

Den Wert der Telefonseelsorge machen die vielen ehrenamtlichen Helfer aus, die rund um die Uhr Dienst tun. Auf den ersten Blick erscheint ihre Arbeit einfach: am Telefon oder vor dem Computer sitzen, warten, reden. Doch der Dienst ist nicht nur kräftezehrend, sondern sei häufig ein anstrengender innerer Kraftakt. Die ehrenamtlichen Helfer erhalten deshalb eine umfangreiche Ausbildung und werden regelmäßig in Supervisionsgesprächen begleitet.

Die Telefonseelsorge plagen aber selbst Sorgen. Das Land Baden-Württemberg etwa gab nur noch für 2004 einen Zuschuss. "Ganz wichtig für die Fortführung der Arbeit sind weitere Finanzmittel."


Südwest Presse, 27. November 2004 - von Chirin Kolb

Ehrenamt / Auszeichnung für Telefonseelsorge

Ein anonymer Dienst, der Menschen hilft: Wer ehrenamtlich bei der Telefonseelsorge arbeitet, steht nie im Rampenlicht. Jetzt haben die anonymen Helfer für Menschen in Not eine Auszeichnung erhalten.

"Echt gut - Ehrenamt in Baden-Württemberg" heißt ein Wettbewerb für herausragende Aktivitäten, den das baden-württembergische Staatsministerium ausgelobt hat. In verschiedenen Kategorien konnten sich Vereine und Einrichtungen bewerben. In der Kategorie "Soziales Leben" wurde die Telefonseelsorge Stuttgart prämiert. Da alle 105 Einrichtungen dieser Art in Deutschland ähnlich strukturiert sind, freut sich auch das Team der Ulm/Neu-Ulmer Telefonseelsorge über diese Anerkennung. "Wir fühlen uns mit ausgezeichnet", sagt Dr. Stefan Plöger, der mit Renate Breitinger die Telefonseelsorge leitet.

Rund 7000 Frauen und auch Männer sind in Deutschland ehrenamtlich für die Telefonseelsorge tätig. Sie versehen ihren Dienst anonym. Ein großer Vorteil, sagt eine Mitarbeiterin. "Wir erfüllen für die Anrufer keine Rolle und sind unvoreingenommen und frei." Bisweilen spüre sie aber auch einen Nachteil der Anonymität. "Wer Übungsstunden im Sport gibt, kriegt Anerkennung." Sie dagegen, die seit 15 Jahren bei der Telefonseelsorge ist, musste einmal hören: "Du könntest doch auch was Ehrenamtliches machen."

Um der Anerkennung willen arbeitet freilich niemand bei der Telefonseelsorge mit. Vielmehr gehe es darum, anderen Menschen zu helfen - und sei es nur durch Zuhören. Lösungen für die Probleme der Anrufer können sie nicht immer bieten. "Das wäre fatal, wenn sich das, was sich über lange Zeit angesammelt hat, mit einem einzigen Gespräch lösen ließe", sagt eine Frau, die seit vier Jahren dabei ist. Sie ist zufrieden, wenn sie Unterstützung bieten kann, wenn sie Anregungen gibt "wie man aus dem Loch rausgucken kann".

Doch die ehrenamtlichen Helfer brauchen selbst Unterstützung. Bei der Telefonseelsorge erhalten sie zunächst eine Ausbildung und dann eine ständige Supervision. Beides ist den Mitarbeiterinnen wichtig. Sie haben die Erfahrung gemacht, dass sie in hohem Maß auch selbst von ihrem Dienst profitieren. "Es kommt viel zurück. Der Dienst ist eine seelische Bereicherung."

INFO: Informationen über die Ausbildung und ehrenamtliche Tätigkeit bei der Telefonseelsorge gibt es unter Tel. (0731) 698 83 und im Internet unter http://www.telefonseelsorge-ulm.de


Neu-Ulmer Zeitung, 11. März 2004 - von Michael Ruddigkeit

Rettungsanker für viele Verzweifelte: Telefonseelsorge sucht neue ehrenamtliche Mitarbeiter

Sie sind einsam, verzweifelt und haben oft niemandem, dem sie sich anvertrauen können: Menschen, die bei der Telefonseelsorge anrufen. Die Hilfesuchenden kommen aus allen Altersgruppen und sozialen Schichten. 16725 Gespräche wurden im vergangenen Jahr bei der Telefonseelsorge Ulm/Neu-Ulm geführt. Tendenz: steigend. Um die Flut von Anrufen weiter bewältigen zu können, suchen die Leiter der Einrichtung dringend neue ehrenamtliche Mitarbeiter.

76 Männer und Frauen arbeiten derzeit für die Telefonseelsorge Ulm/Neu-Ulm. Das klingt im ersten Moment viel, reicht aber gerade aus, um den Schichtbetrieb aufrecht zu erhalten. Schließlich ist das Telefon rund um die Uhr besetzt. Und die Mitarbeiter müssen sich Zeit für ihre Gesprächspartner nehmen. 20 weitere Mitarbeiter könnte die Seelsorge gut gebrauchen. "Sie sollten normal belastbar, offen und beziehungsfähig sein, sich einfühlen, aber auch Distanz wahren können", sagt Dr. Stefan Plöger, der die Einrichtung zusammen mit Renate Breitinger leitet. Wichtig seien auch psychische Stabilität und Lebenserfahrung. Es gehe nicht um eine psychologische Fachberatung, sondern darum, jemanden zu begleiten und zuzuhören, betont Plöger. "Das kann schon eine große Hilfe sein." Für diese Aufgabe werden die Mitarbeiter gründlich geschult. Wer Interesse hat, kann sich vormittags unter der Büronummer (0731)69883 informieren.

Die Probleme, mit denen die Mitarbeiter konfrontiert werden, sind vielschichtig. "Die Notlagen nehmen zu, und Ansprechmöglichkeiten werden weniger", sagt Stefan Plöger. Auch die Zahl der Jugendlichen, die bei der Telefonseelsorge Rat suchen, nimmt zu. "Bei ihnen geht es oft um Probleme in der Schule, dass sie einen schweren Stand haben und gemobbt werden", so Plöger. Wenn sie dann auch in der Familie keinen Rückhalt haben, sehen sie oft keinen Ausweg mehr. Bei den Erwachsenen sind Partnerschaft und Familie wichtige Themen, aber auch plötzliche Erkrankungen, Tod eines nahen Verwandten - und Einsamkeit. Auch wirtschaftliche Notlagen spielen eine Rolle. "Es rufen Leute an, die sagen, sie wissen einfach nicht mehr, wie sie über die Runden kommen sollen", erzählt Plöger.

Bei all diesen Problemen können die ehrenamtlichen Mitarbeiter die Anrufer unterstützen und Hilfe zur Selbsthilfe leisten. Manche Gespräche können auch sehr belastend sein, wenn beispielsweise einer so verzweifelt ist, dass er an Selbstmord denkt. Hier können sie nur versuchen, dem Verzweifelten am Telefon neuen Mut zu machen. Die Anrufe werden nicht zurückverfolgt. Anonymität und Verschwiegenheit ist eine wichtige Voraussetzung für die Arbeit und eine Frage des Vertrauens. "Jeder weiß: er ist geschätzt", sagt Plöger. "Da besteht die Chance."

Die Telefonseelsorge Ulm/Neu-Ulm ist eine ökumenische Einrichtung in Trägerschaft der katholischen und evangelischen Kirche. Zuschüsse bekommt sie von Städten, Landkreisen und dem Land Baden-Württemberg. Die Einrichtung hat ein Einzugsgebiet bis Heidenheim, Aalen und Schwäbisch Gmünd. Über 33000 Anrufe gingen voriges Jahr ein, darunter aber auch sogenannte "Scherzanrufe" und von Leuten, die sofort wieder aufgelegt haben. Ein ernsthaftes Gespräch entwickelte sich aus etwa der Hälfte der Anrufe. Auch einen E-Mail-Service bietet die Seelsorge. Neun Mitarbeiter kümmern sich darum. Da die gründliche Bearbeitung viel Zeit in Anspruch nimmt, wäre auch hier eine Aufstockung hilfreich.

Kontakt mit der Telefonseelsorge Ulm/Neu-Ulm können Hilfesuchende unter den Nummern (0800)1110111 und (0800)1110222 aufnehmen. Mailberatung bekommt man im Internet unter www.telefonseelsorge.de.


Südwest Presse, 11. Februar 2004 - von Chirin Kolb

Ehrenamt / Wer bei der Telefonseelsorge mitarbeitet, profitiert selbst

Das gute Gefühl, anderen zu helfen: Wer einsam ist oder Rat sucht, ist oft schon froh über jemanden, der zuhört. Diesen Dienst bietet die Telefonseelsorge an, anonym, rund um die Uhr. Die ehrenamtlichen Helfer haben nicht nur ein offenes Ohr für die Sorgen anderer, der Dienst tut auch ihnen selbst gut.

Als ihre Kinder erwachsen waren und eigene Wege gingen, hatte Marlene S. mehr freie Zeit, die sie aber nicht nur für sich allein nutzen wollte. Sie wollte sich ehrenamtlich für andere einsetzen. über einen Zeitungsartikel wurde sie auf die Telefonseelsorge aufmerksam. Anfangs war Marlene S. (Name geändert) skeptisch, ob dieser Dienst für sie in Frage käme. Sie traute es sich nicht zu, Menschen in Not Ratschläge zu geben. Sie fürchtete, die Probleme anderer würden sie zu sehr belasten. Doch jetzt, nach einer einjährigen Ausbildung, haben sich ihre Ängste als unbegründet erwiesen.

Das liegt auch daran, dass der Dienst am Telefon anders verläuft, als es sich Marlene S. vorgestellt hatte. Sie und ihre Kolleginnen (nur wenige Helfer sind Männer) sollen vor allem zuhören statt Ratschläge geben. "Es ist gar nicht so einfach, sich selbst zurückzunehmen", erzählt eine Lehrerin. Zuhören lernen - davon profitiere sie auch für ihren Beruf. Die einjährige Ausbildung umfasst unter anderem Selbsterfahrung und Rollenspiele. "Man lernt sich selbst besser kennen."

Darüber hinaus haben die Mitarbeiterinnen die Erfahrung gemacht, dass die meisten Anrufe nicht so dramatisch sind, wie sie es anfangs befürchtet haben. "Nicht jeder Anrufer ist ein potenzieller Selbstmörder", sagt Marlene S. Viel häufiger haben die Mitarbeiter einsame Menschen am Telefon, die froh sind, mit jemandem reden zu können. Andere wollen sich über Familienstreit oder Partnerschaftsprobleme aussprechen, haben Angst vor einer Operation, leiden unter Arbeitslosigkeit oder an einer schweren Krankheit. "Wenn ich die Schicksale am Telefon höre, habe ich das Gefühl: Mir geht es doch unwahrscheinlich gut", sagt Marlene S.

Dieser Überzeugung war Bettina M. schon, bevor sie sich bei der Telefonseelsorge als ehrenamtliche Mitarbeiterin meldete. "Ich will davon etwas weitergeben." Mit einer Erfahrung hatte sie jedoch nicht gerechnet: Der Dienst bei der Telefonseelsorge ist nicht nur Geben, sondern auch Nehmen. "Es ist ein gutes Gefühl, wenn man merkt, dass man anderen helfen kann."

Freilich: Nicht jeder Anruf führt auch zu einem ausführlichen Gespräch. Manchmal rufen Jugendliche zum Scherz an, manchmal glauben Männer, sich den teuren Anruf bei Telefonsex-Nummern sparen zu können. Die Mitarbeiterinnen legen dann den Hörer auch einfach mal auf. Zudem haben sie in der Ausbildung gelernt, mit ihren Erwartungen besser umzugehen. "Es gibt Gespräche, mit denen man nicht klar kommt", sagt Bettina M. Viel wichtiger ist für sie aber, dass sie bei jedem ihrer Dienste mehrmals das Gefühl hat, den Anrufern helfen zu können. Unterstützung finden die ehrenamtlichen Helfer bei Dr. Stefan Plöger und Renate Breitinger, den hauptamtlichen Leitern der Telefonseelsorge Ulm/Neu-Ulm.

Für Marlene S. ist der Dienst bei der Telefonseelsorge mittlerweile zu einem festen Bestandteil ihres Lebens geworden. "Wenn ich mal zwei Wochen nicht dabei war, vermisse ich es."

INFO Frauen und Männer, die sich für den ehrenamtlichen Dienst bei der Telefonseelsorge interessieren, können sich unter Tel. (0731) 698 83 (vormittags) melden.


Neu-Ulmer Zeitung, 04. April 2003 - von maym

Ulmer Telefonseelsorge wird 25 Jahre alt - Die Zahl der Anrufe nimmt laufend zu

Ulm (maym).

Jugendliche setzen auf Hilfe am Hörer. Rund 30000 Anrufe hat die Ulmer Telefonseelsorge im vergangenen Jahr erhalten. Bei etwa 16000 kam es zu einem ernsthaften Gespräch. Darunter waren 3000 Jugendliche zwischen 11 und 19 Jahren. Einsamkeit, Probleme in der Schule und mit der Sexualität standen hier im Vordergrund. Man müsse sich langsam fragen, in welchen Situationen Jugendliche heute leben müssten, sagt der Leiter der Telefonseelsorge, Dr. Stefan Plöger.

Die hohe Zahl der Anrufe von Jugendlichen bei der Ulmer Telefonseelsorge führt Stefan Plöger auch darauf zurück, dass Mütter immer häufiger in den Produktionsprozess gehen und so weniger Zeit für ihre Kinder aufwenden könnten: "Wen haben die Jugendlichen eigentlich noch?" Für Plöger steht hinter den Anrufen ein gesellschaftliches Problem: Kinder und Jugendliche hätten immer weniger Erwachsene um sich, denen sie vertrauen könnten und die Ganztages-Schule biete auch keine Lösung. "Manchmal bin ich überrascht, wie schnell die Politik das Problem mit der Tagesbetreuung lösen soll", sagt der Diplom-Psychologe.

Oft wird Unfug getrieben: Von den 30000 Anrufen, die die Telefonseelsorge im vergangenen Jahr erhalten hat, waren rund 8000 Scherzanrufe; das sind Anrufe, bei denen kein vernünftiges Gespräch zu Stande kommt oder bei dem die Mitarbeiter wissen, dass es sich um einen Unfug handelt. Da kommen Anfragen wie: "Ich bin 14 Jahre und von meinem Bruder schwanger und im Hintergrund lacht die Clique", sagt Plöger. Für die 74 ehrenamtlichen Mitarbeiter sei es in einigen Fällen sehr schwer, zu unterschieden, ob der Anruf ernst gemeint ist oder nicht. Einige der Scherzanrufe von Jugendlichen würden sich allerdings während der Unterhaltung inhaltlich wenden und einen ernsten Verlauf annehmen: "Vielleicht testen die uns nur aus", meint Plöger, der weiß, dass der, der bei der Telefonseelsorge anruft, auch ein Problem hat. Immerhin zählte die Telefonseelsorge im vergangenen Jahr etwa 3000 ernst gemeinte Anrufe von Jugendlichen, die als Grund Probleme mit Schule, Freunden und Sexualität angaben. "Die Zahl der jugendlichen Anrufer ist explodiert", berichtet Plöger. Vor 25 Jahren ist die Ulmer Telefonseelsorge gegründet worden. Heute ist sie für etwa eine Million Menschen zuständig. "Das reicht von Ellwangen und Ehingen bis nach Günzburg und Geislingen", sagt Plöger. Getragen wird die Einrichtung von den beiden großen christlichen Kirchen; Zuschüsse gibt es von Stadt und Land. Angestiegen ist die Zahl der Anrufe vor allem, seit es die kostenlose Nummer 0800 111 0 111 oder 0800 111 0 222 gibt.

Die erste Telefonseelsorge wurde in England 1953 von dem Anglikaner-Pater Chad Varah gegründet. Damals war sie ausschließlich als Hilfe für Selbstmordgefährdete gedacht. Heute stehen vor allem seelische Probleme im Vordergrund. Aber nach wie vor gehören Suizidgefährdete zu den Anrufern: 230 Personen wollten im vergangenen Jahr über ihren Freitod reden. In besonderen Situationen komme manchmal sogar ein persönliches Gespräch zu Stande", sagt Plöger. Die Regel sei es aber nicht.

Keine Fachberatung: Die 74 Mitarbeiter arbeiten in Schichten zu vier Stunden und werden in einer einjährigen Schulung ausgebildet. 80 Prozent davon sind Frauen, zwei Drittel der Anrufer auch. "Beim Mann ist das Bewusstsein nicht so, dass er ehrenamtlich hier was tun könnte", vermutet Plöger. Wert legt er auf die Feststellung, dass am Telefon keine Fachberatung erfolge; das sei Teil des Rezeptes: "Wir stehen auf der gleichen Augenhöhe." Geübtes Zuhören und dem Anrufer die Möglichkeit zu geben, eigene Wege zu entdecken, sei die Stärke des Angebotes, so der Psychologe.

Die Telefonseelsorge bietet wieder eine neue Schulung für ehrenamtliche Mitarbeiter an. Anfragen unter Telefon 0731/69883.


Südwest Presse, Februar 2000 - von Chirin Kolb

Ehrenamt / Mitarbeiter der Telefonseelsorge kümmern sich um anonyme Anrufer in Not

Anstrengend und bereichernd: Hören mit Bauch und Herz. Muss man sich das antun? Sich freiwillig die Probleme fremder Leute anhören, einziger Gesprächspartner für Einsame sein, sich auch mal beschimpfen lassen? Ja, und zwar gern, sagen langjährige Mitarbeiterinnen der Telefonseelsorge. Denn die Hilfe für andere hilft einem selbst.

Vier Stunden verbringt Ingrid Scheffold am Telefon, drei Mal im Monat. Stunden, in denen fremde Anrufer ihr, der anonymen Stimme, ihre Probleme mit dem Chef klagen, Frauen sich über ihre Ehen ausweinen, einsame Menschen mal jemand haben wollen, der ihnen zuhört. Ingrid Scheffold (Name geändert) tröstet, spricht ihnen Mut zu, versucht, andere Blickwinkel zu vermitteln. “Wegweiser aufstellen", wie die 50-Jährige sagt. Nach vier Stunden fühlt sie sich ausgelaugt. Der Dienst bei der Telefonseelsorge ist anstrengend.

Seit 14 Jahren ist sie schon ehrenamtlich dabei. Weil es ihr Spaß macht? Das sei das falsche Wort, meint sie. “Es macht Sinn." Maria Bauer geht es genauso. “Ich werde laufend gefordert", sagt sie. “Ich kriege aber auch etwas, und das ist das Wesentliche." Dieses gegenseitige Geben und Nehmen ist für die 63-Jährige entscheidend. Dabei hatten beide Frauen früher keinen Bezug zur Telefonseelsorge. Ingrid Scheffold war zwar schon mit Mitte 30 ehrenamtlich in der Kirchengemeinde aktiv, gründete eine Frauen-Gruppe und, auch für ihre Kinder, eine Mutter-Kind-Gruppe. Irgendwann jedoch bekam sie das Gefühl, dass viele Menschen, die Zuspruch wirklich nötig haben, nicht in die Kirche kommen. Doch wie sollte sie sie erreichen, ohne gleich vollkommen vereinnahmt zu werden? Eine Freundin wies sie schließlich auf die Telefonseelsorge hin.

Auch Maria Bauer und Annegret Rieger (Namen geändert) fanden über Bekannte zur Telefonseelsorge. Beide Frauen hatten die Familienphase hinter sich und konnten nicht mehr in ihren Beruf zurückkehren. Am Anfang stand für alle drei ein mulmiges Gefühl und die bange Frage: Kann ich das überhaupt? Die Antwort gaben andere. Bevor die Frauen die Ausbildung begannen, mussten sie Gespräche mit Fachleuten führen, die sie schließlich als geeignet für den Dienst befanden. Ein Kriterium: Wer selbst mit Problemen belastet ist, kann anderen auch nicht helfen. Dass sie als Mitarbeiterinnen zur Anonymität verpflichtet sind, empfanden sie als positiv.

Mitleiden mit den Menschen: In der Ausbildung wurden die Frauen ausführlich auf ihre Aufgabe vorbereitet, die ersten Stunden am Telefon überraschten sie dennoch. “Ich hätte nicht gedacht, dass es in mir so viel bewegt", sagt Annegret Rieger. Manche Probleme, die Menschen ihr geschildert hatten, trug sie tagelang mit sich herum. “Das ist immer so, wenn man mit Menschen arbeitet'', sagt Ingrid Scheffold. Wenn sie einmal ein Gespräch sehr belastet, gibt es Ansprechpartner für die Mitarbeiter. Dazu kommen regelmäßige Supervisionen und Fortbildungen. “Mitleiden ist kein Anzeichen dafür, dass das Gespräch schlecht war, sondern nur ein Beleg für die intensive Beziehung am Telefon'', sagt Dr. Stefan Plöger, der die Telefonseelsorge Ulm/Neu-Ulm zusammen mit Renate Breitinger leitet.

In der Aus- und Fortbildung lernen die Mitarbeiter auch: Standardantworten gibt es nicht. “Bei uns ist immer alles live und jetzt, kein Gespräch gleicht dem anderen'', erzählt Scheffold. “Wir hören mit Bauch und Herz." Anfangs haben ihr jene Anrufer besonders zu schaffen gemacht, die von Selbstmord gesprochen haben. Inzwischen weiß sie, dass nicht sie, sondern jeder Anrufer selbst die Verantwortung trägt. Sie hat aber den Eindruck, dass vielen allein schon Sprechen und Zuhören hilft. Manche, gerade auch einsame Menschen, rufen deshalb oft mehrmals an.

Zuweilen müssen sich die Mitarbeiter jedoch Beleidigungen anhören. Die Gespräche mit der Telefonseelsorge sind kostenlos, und da inzwischen bald jeder Jugendliche ein Handy besitzt, rufen viele nur zum Scherz an. Maria Bauer kann selbst darin noch etwas Gutes entdecken: “Wenn sie wirklich mal ein Problem haben, fällt es ihnen vielleicht leichter, sich bei uns zu melden."

Zahl der Gespräche steigt: Ohnehin scheint Ingrid Scheffold, Maria Bauer und Annegret Rieger der Bedarf nach Gesprächen gerade bei Jugendlichen zu steigen. “Alles soll locker flockig wirken, jeder ist gut drauf. Für ernsthafte Gespräche bleibt kaum Zeit, über Probleme spricht man nicht", sagt Ingrid Scheffold. “Ich kann mit niemandem reden", “mir hört keiner zu'' - Sätze wie diese hören sie oft. Zahlen belegen ihren Eindruck: 31088 Menschen haben im vergangenen Jahr bei der Telefonseelsorge Ulm/Neu-Ulm angerufen, die Mitarbeiter führten 16034 Gespräche - 7,6 Prozent mehr als im Jahr zuvor.

INFO: Die Telefonseelsorge Ulm/Neu-Ulm wird getragen von Vertretern der Dekanate und Kirchenbezirke Ulm, Neu-Ulm, Heidenheim, Aalen und Schwäbisch Gmünd. Das Team besteht aus drei hauptamtlichen Kräften und rund 80 ehrenamtlichen Mitarbeitern. Die Telefonseelsorge ist zu erreichen unter 08001110111.


Hinweis: Sie finden hier lediglich eine kleine Auswahl von Presseartikeln, die im Zusammenhang mit der Telefonseelsorge Ulm/Neu-Ulm erschienen sind. Wir möchten Ihnen eine Auslese der Artikel bieten, die einen besonders guten Eindruck unserer Arbeit wieder geben.

Telefonseelsorge Ulm/Neu-Ulm - Postfach 4070 - D 89030 Ulm   Stand: 20.02.2010

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